Die Sonne schien dem alten Mann ins Gesicht. Behaglich streckte er die Beine aus und freute sich über die Wärme; sie tat seinen alten Knochen gut.
Er genoss die Ruhe und den Frieden- doch das war nicht immer so gewesen. Er hatte in seinem langen Leben schon ganz andere Zeiten erlebt, damals, als die römischen Nachbarn den Christen ständig nachstellten, sie nie in Ruhe ließen und den Soldaten meldeten, wer zu den christlichen Gottesdiensten ging. Damals, als die römischen Soldaten kamen… Das war eine schlimme Zeit voller Angst.
›Großvater, Großvater, da bin ich!‹ Ein Junge stürmte über die Wiese auf den alten Mann zu, schlang die kleinen Arme um seinen Hals und kletterte auf seinen Schoß. Marcus. Der Alte sah ihn liebevoll an. Dass er in seinem Leben noch einmal so glücklich werden sollte, das hatte er nie gedacht…
›Großvater, weißt du, wo ich gestern war?‹ Marcus war so aufgeregt, dem Großvater die Neuigkeit zu erzählen, dass er ganz außer Atem geriet: ›Ich war mit im Gottesdienst. Und ich war ganz brav, habe gut zugehört und gar nicht geschwätzt.- Na ja, fast gar nicht‹, ergänzte er und schaute seinen Großvater von der Seite an. Der Alte zwinkerte ihm zu; er war ja auch einmal ein Kind gewesen und wusste wohl, wie schwer es war, so lange ganz still zu sein.
»Und stell dir vor Großvater, sie haben von Jesus erzählt, und wir haben gesungen und gebetet und Kerzen waren angezündet und es war alles so schön und feierlich. War es auch früher schon so, Großvater? Bitte erzähl! Erzähl von früher, als du den Bischof gesehen hast. Bitte erzähl!«
Der Alte schaute seinen kleinen Enkel nachdenklich an. Als er so alt war wie Marcus, hatte er den Bischof Blasius kennengelernt.
»Bischof Blasius war ein Arzt, ein kluger Mann, der uns viel von Jesus und Gott erzählen konnte«, begann der Alte zu erzählen. »Aber er wurde von den Römern verfolgt und musste sich immer verstecken, weil er ein Christ war. Und weil Blasius die Gemeinde leitete, waren sie besonders darauf aus, ihn gefangen zu nehmen. Wir alle wussten, dass er dann verloren wäre- die Römer würden ihn mit Sicherheit töten.
Deshalb beschlossen die Ältesten, dass Blasius sich nicht länger in Kellern und Ställen verstecken konnte. Er brauchte einen neuen Unterschlupf. Eines Tages entdeckte ein Mann aus unserer Gemeinde, als er bei der Jagd von einem Gewitter überrascht wurde, eine Höhle, die tief im Wald versteckt lag. Das war genau das richtige Versteck für Bischof Blasius: Hier würde er sicher sein, in dieser Höhle sollte unser Bischof leben.«
»Uhhh«, rief Marcus entsetzt, »da würde ich mich aber fürchten! In einer Höhle! Vor allem nachts, wenn es dunkel ist! Und dann sind da doch lauter wilde Tiere im Wald!«
»Das war ganz seltsam«, erzählte der Alte weiter, »wenn die römischen Soldaten mit ihren Lanzen und Schwertern in die Nähe kamen, dann legten sich die wilden Tiere immer vor die Höhle und brüllten ganz furchterregend, so dass die Soldaten schnell weiterzogen. Aber wenn wir Christen den Bischof Blasius besuchen wollten, sei es, weil wir seine Hilfe als Arzt brauchten oder weil wir mit ihm Gottesdienst feiern wollten, verzogen sie sich in den Wald und beobachteten uns aus der Ferne. Niemals haben sie uns oder den Bischof angefallen.«
»Und wie war das mit Großmutters Schwein?«, fragte Marcus. Diese Geschichte konnte er gar nicht oft genug hören.
»Tjaaa, dieses Schwein«, so erzählte der Alte, »das hat irgendwann einmal ein Wolf geholt. Er kam in der Nacht in unseren Stall, schnappte sich das Schwein- und weg war er. Das war natürlich eine Katastrophe für uns. Es war unser einziges Schwein, und wir wollten es vor dem Winter schlachten, damit wir im Winter etwas zu essen hatten.
An jenem Abend, an dem das Schwein verschwunden war, gingen wir alle wieder zu Bischof Blasius in die Höhle, um Gottesdienst zu feiern. Großmutter erzählte von dem Wolf und dem Schwein. Der Bischof hörte ihr sehr genau zu, denn er verstand, wie schlimm der Verlust des Schweines für unsere Familie war. Und dann betete er im Gottesdienst zu Jesus und bat ihn, dass der Wolf das Schwein der Großmutter wieder zurückgeben sollte. Und tatsächlich, als wir spät in der Nacht nach Hause gingen, quiekte es in der Nähe der Höhle. Da lag unser Schwein- seine Hinterbeine waren verletzt, aber ansonsten war ihm nichts passiert.
Als Großmutter das Schwein dann schlachtete, brachte sie dem Bischof Blasius zum Dank den Schweinskopf zum Essen und ein paar Kerzen, damit er sich nachts in seiner dunklen Höhle etwas Licht machen konnte. So lebte Bischof Blasius einige Jahre in seiner Höhle, wir versorgten ihn, die wilden Tiere des Waldes bewachten ihn, und wir konnten in seiner Höhle regelmäßig Gottesdienst feiern.
Doch eines Tages wurden wir dann doch entdeckt. Es war mitten in der Versammlung, als plötzlich Soldaten in die Höhle stürmten, uns alle gefangen nahmen und in das Gefängnis des römischen Statthalters brachten. Es war schrecklich. Ich hatte solche Angst, ich weinte und klammerte mich an meine Mutter. Die ganze Gemeinde, alle waren im Gefängnis!«
Der kleine Marcus schmiegte sich an seinen Großvater und versteckte das Gesicht an seinem Hals. Er wagte kaum zu atmen. »Und weiter?«, fragte er seinen Großvater.
Der Alte fuhr fort: »Ganz schlimm erging es dem Bischof Blasius. Ihn wollten die Römer dazu zwingen, öffentlich zu sagen, dass er nicht mehr an Jesus Christus glaubte. Aber das machte unser Bischof nicht. Er blieb bei seinem Glauben. Daraufhin schlugen und quälten ihn die Römer und behandelten ihn sehr schlecht.
Aber auch wir anderen mussten leiden. Wir bekamen manchmal tagelang kaum etwas zu essen, und ich hatte immer so schrecklichen Hunger. Dann, eines Tages, brachten sie uns etwas Fisch. Es war nicht viel, aber wir sprachen ein Dankgebet und teilten den Fisch. Meine Mutter gab mir ein großes Stück, das ich sofort in den Mund steckte und ohne lang zu kauen schnell runterschluckte. Meine Mutter wollte mich gerade tadeln, dass ich nicht so gierig essen sollte, als ich merkte, dass da etwas in meinem Hals steckte. Ich musste husten. Ich musste würgen. Ich bekam keine Luft mehr, konnte nicht mehr atmen. Meine Mutter erschrak fürchterlich, alle schauten mich entsetzt an, und dann- das ist das Letzte, woran ich mich erinnern kann- wurde ich ohnmächtig.«
Marcus schaute seinen Großvater mit weit aufgerissenen Augen entsetzt an. »Und dann?«, flüsterte er. »Was ist dann passiert?«
»Meine Mutter hat mir erzählt, dass alle durcheinander schrien. Es muss einen riesigen Tumult gegeben haben, und sie hatte furchtbare Angst um mich. Dann kam Bischof Blasius zu uns. Es nahm mich in seine Arme, legte seine Hand auf meinen Kopf, betete und segnete mich. Dabei klopfte er mir ganz sachte auf den Rücken. Ich musste husten, kam wieder zu Bewusstsein- und konnte wieder atmen. Die Gräte in meinem Hals hatte sich ein kleines Bisschen bewegt, und Bischof Blasius holte sie vorsichtig aus meinem Hals heraus. Ich war gerettet!«
Der Alte schwieg. Marcus wartete ein Weilchen, dann fragte er vorsichtig: »Und weiter?« »Ich habe seitdem nie mehr so ein großes Stück Fisch auf einmal in den Mund genommen!«, sagte sein Großvater und schmunzelte.
»Die Römer haben mich und meine Mutter nach Hause gehen lassen. Bischof Blasius aber ist nicht mehr aus dem Gefängnis gekommen. Die Römer haben ihn getötet. Deshalb erzähle ich dir von ihm, damit wir uns immer an ihn erinnern und nie vergessen, was er alles Gutes getan hat.- Ich könnte mir vorstellen«, beendete der Alte seine Geschichte, »dass die Menschen ihn irgendwann einmal sogar einen Heiligen nennen!«
Gabriele Krämer-Kost
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