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30.06.2017 - Gemeinschaft und Gastfreundschaft

Der kleine Fliehling – Eine Geschichte über die Flucht und das Ankommen

Der kleine Sperling wäre viel lieber in seinem tiefen, stillen Wald geblieben, zu Hause bei seiner Vogelfamilie und seinen Freunden. Doch eines Tages war das Feuer ausgebrochen. Brandstifter hatten das Feuer gelegt und es überraschte die Tiere des Stillen Waldes im Schlaf. Der kleine Sperling hatte die Augen aufgeschlagen und in lodernde Flammen geblickt. Flammen, die höher und höher schlugen, höher als das ängstlichste Herz der Welt. Flammen, die überallhin reichten, bis in die Wipfel der Bäume. Sie streckten ihre Feuerzungen aus so hoch sie konnten, hoch bis in den Himmel, und krochen über den Waldboden und verbrannten mit ihren brennenden Zungen die Erde und alles, was auf ihr wuchs und wimmelte. Der kleine Sperling war eingeschlossen in einen dicken, rauchigen Nebel. Er konnte kaum atmen und er piepste heiser nach Mama und Papa. »Flieh, Spatz! Flieh nach Westen!«, rief die Sperlingsmutter und der kleine Sperling konnte das Schlagen ihrer Flügel und ihres Herzens hören. Flieh! Der kleine Sperling hatte das Wort noch nie gehört, es klang fast wie flieg, nur viel bedrohlicher; viel bedrohlicher als alle Worte, die er jemals aus dem Schnabel seiner Eltern vernommen hatte.

Flieh, das war gar kein schönes Wort, kein Mutterwort. Der kleine Sperling mochte es nicht hören aus dem Mund seiner Mutter. Er wünschte, sie hätte »flieg« zu ihm gesagt. Wie damals, als die Welt noch ganz gewesen war und heil. Damals, als die Sonne aufgegangen war, Morgen für Morgen im Stillen Wald, wie eine große gelbe Himmelsblume. Als die Wiese mit Tau benetzt war und die Vogelfamilien ihre Chorgesänge angestimmt hatten. Der Sperlingsvater war ein besonders guter Sänger und hatte jeden Morgen ein Solo singen dürfen. Damals, das war doch erst gestern oder vorgestern gewesen, damals, gestern vor gestern hatte der kleine Sperling seinen ersten Flugunterricht bei Mama bekommen. Mama und er hatten friedlich nebeneinander auf einem Ast der alten Weide gesessen und in die Sonne geblinzelt, das freche Eichhörnchen war durch die Zweige getobt und hatte sich von Ast zu Ast geschwungen wie ein Schimpansenjunges. Es hatte die Zweige der alten Weide zum Wackeln gebracht und die Sperlingsmama hatte gelacht und dem Eichhörnchen zugewinkt und ihm scherzhaft gedroht: »Du, du!« Dann hatte sie einen Flügel um die Schulter des kleinen Sperlings gelegt und auf den hellblauen Himmel gedeutet, an dem eine Wolke vorbeizog wie eine verträumte Insel, sie hatte in Richtung der Wiese gezeigt, auf der die Kornblumen blühten und sich hin und her wiegten wie ein wogendes Meer, und sie hatte auf die Wipfel der Tannen gezeigt, die in der Ferne auf einer Lichtung standen. Sie hatte dem kleinen Sperling erklärt, wo Süden, Osten, Norden und Westen war. Und dann hatte sie »Nun flieg!« gesagt. Ihre Stimme hatte ganz ruhig und sicher geklungen. »Flieg, mein Spatz.« Da hatte sich der kleine Sperling getraut, er hatte mit den Flügel geschlagen wie eine wilde Hummel und war in die Lüfte gestiegen, er hatte sich lebendig und frei und lustig gefühlt, er hatte sich auf den Wind gelegt wie auf eine Luftmatratze und war glücklich durch die Lüfte gesegelt.

Der kleine Sperling wusste sofort, dass er unbedingt hören musste auf dieses Wort, das seine Mama noch nie zu ihm gesagt hatte. Obwohl er große Angst hatte, flog er flugs auf und davon, nach Westen, hinweg über die brennenden Wiesen, Bäume und Sträucher. Überall im Stillen Wald krachten die Nester von den Ästen auf den brennenden Boden, vielleicht auch das Eigennest, das warme Zuhause? Der kleine Sperling traute sich nicht, sich umzuschauen, er hörte die Brandstifter hinter sich johlen und die Geschwistertiere des Waldes davonhetzen. »Flieh, wir kommen nach!«, hatte Mama gerufen. »Flieht! Schnell, schnell!«, hatten die Geschwistertiere gerufen. Fliehen. Ein Angstwort war das, ein Angstwort, das sich um das Herz des kleinen Sperlings legte wie ein Netz aus Eisenketten.

Sein Herz, das war doch auch sein innerer weiter und freier Himmel gewesen. Der kleine Sperling floh vor den Brandstiftern und vor den Feuerzungen, floh aus dem Stillen Wald, der seine Welt gewesen war. Neben sich hörte er das Flügelrauschen unzähliger Geschwistervögel und ihre warnenden Rufe. »Flieht!« Dies schien das einzige Wort zu sein, das ihnen geblieben war. Es mussten Stunden vergangen sein, als der kleine Sperling auf einmal ein anderes Wort vernahm, als er eine vertraute Stimme neben sich hörte. »Spatz, mein Sperlingspatz«, rief seine Mutter, »endlich, endlich habe ich dich wieder.« »Wieder … Gefunden unter all den anderen«, rief der Vater. Unter all den anderen. Tausende waren auf der Flucht vor den Brandstiftern und dem Feuer, das im Stillen Wald tobte.

***

Bald waren die Sperlinge an der großen Grenze angelangt. Der kleine Sperling hatte noch nie eine Grenze gesehen. Überhaupt kannte er das Wort Grenze nicht. Er hatte es noch niemals gehört und nirgendwo gelesen. Der Himmel über ihm war grenzenlos gewesen und die Erde war ihm auch grenzenlos erschienen, grenzenlos wie sein Herz.

Wie war es dort hinter der Grenze? Würde er seinen Platz finden? In seiner Welt, im Stillen Wald, hatte der kleine Sperling seinen festen und sicheren Platz gehabt, alles dort hatte einen festen und sicheren Platz gehabt. Aber die fremde Welt…? Wir müssen über die Grenze, sagten seine Eltern, es gibt kein Zurück. Wie sehen wir nur aus, so heruntergekommen und schäbig, was werden wir für einen Eindruck machen, dachten sie. »Mein schönes Federkleid, schmutzig und angesengt«, sagte Mama Sperling und eine Träne lief ihr über den Schnabel. Sie dachte an die Sonne, die Himmelsblume. »Ihr Kleid, das glänzt wie Seide. Ein edler, federleichter Stoff, ein schöner Schnitt!«, hatte die Sonne gesagt und »Darf ich?« gefragt und anerkennend und sacht über das Federkleid gestrichen. Die Sperlingsmama wusste, dass die Sonne nicht log, die Sonne war der Wahrheit verpflichtet, die Sonne bringt es an den Tag, so hieß es doch. Auch der Sperlingspapa seufzte. »Ja, was werden die Vögel hinter der Grenze zu uns sagen, wenn sie uns so sehen. So abgerissen und arm. Wir kommen ohne Papiere und ohne Geschenke, denn alles, was wir besaßen, ist verbrannt. Das Einzige, was uns geblieben ist, sind unsere Namen. Die kann uns keiner nehmen.«

Da irrte der Sperlingspapa. Denn der Name war das Erste, was die Vögel hinter der Grenze ihnen nahmen. Die Sperlinge hießen jetzt nicht mehr zum Beispiel Serafine-Sperling-der-die-Sonne-jeden-Morgen-über-das-blendend-schöne-Federkleid-streicht-und-die-so-schön-erzählen-kann, denn so war der vollständige Name der Sperlingsmutter. Sie hießen auch nicht mehr Sangesschön-Sperlingder-mit-der-selten-schönen-Solostimme-im-Wald, denn so lautete der vollständige Name des Sperlingsvaters. Sie hießen auch nicht mehr Spatz-Sperling-deinHerz-ist-so-weit-wie-der-Himmel-reicht, denn so lautete der vollständige Name des kleinen Sperlings. Alle Sperlinge, die über die Grenze gekommen waren, hatten ihren ganz eigenen Namen. Und jeder Name erzählte seine ganz eigene Geschichte. Aber die Vögel hinter der Grenze verstanden diese Namen nicht, und so nannten sie alle Sperlinge Flüchtlinge. Das war nicht böse gemeint, sie wussten es nur nicht besser. Flüchtlinge. »Dieser Name ist so kurz und erzählt nur vom Feuer und vom Tod und von Armut, wir haben aber auch einen anderen Namen, unseren Geburtsnamen, der die Geschichte vom Stillen Wald, von der Sonne und den Kornblumen, von unseren Liedern und unserem Reichtum erzählt«, sagten die Sperlinge. »Flüchtlinge. Wir mögen den Namen nicht«, sagten sie. Niemand mochte ihn so richtig. »Mama, bin ich nun ein Fliehling?«, fragte der kleine Sperling. »Du bist und bleibst mein Spatz«, antwortete seine Mutter.

***

Drei Wochen waren vergangen. Die Familie des kleinen Sperlings wohnte in einer ausrangierten Kartoffelkiste, dem sogenannten Flüchtlingsvogelhaus, das sie sich mit vielen anderen Sperlingsfamilien teilten. »Jetzt haben wir wenigstens ein Dach über dem Kopf«, sagte die Sperlingsmama, »auch wenn es eng ist.« Nachts träumte der kleine Sperling von seinem Freund, dem Eichhörnchen, und dem wogenden Kornblumenmeer. Manchmal schreckte er auf und meinte, Brandgeruch zu riechen und die Brandstifter johlen zu hören. Dann pochte sein Herz wie wild und er schaute sich um und war froh, in Sicherheit zu sein. Aber den Stillen Wald vermisste er sehr.

Eines Morgens saßen die Sperlingseltern mit ihrem Sohnespatz auf dem Dach des Vogelhauses und schauten in die Gegend. »Der Ausblick von hier oben ist doch recht begrenzt«, sagten sie. »Sicher gibt es noch viel mehr zu sehen, als diesen steinernen Platz vor uns und die vielen grauen Kästen. Sicher gibt es auch hier Wälder und Wiesen. Wir wollen unseren Platz finden und unsere Lieder singen. Unsere alten Lieder und die Lieder dieses Landes wollen wir singen im Chor mit den Vögeln, die hier leben. Wir wollen uns hier unser Nest bauen.« Aber so einfach durften die Sperlinge nicht ihr Nest bauen. Sie mussten erst bei offizieller Stelle versichern, dass sie aus dem Stillen Wald kamen, in dem das Feuer gewütet hatte und die Brandstifter. Und die offizielle Stelle, das war die alte Eule, die im Eichenbaum wohnte. Nach und nach wurden die Sperlinge von der alten Eule zu ihrer Flucht aus dem Stillen Wald befragt. Schnell sprach es sich unter den Sperlingen herum, dass es ganz wichtig war, von dem Feuer und den Brandstiftern zu erzählen, denn nur, wer vor dem Feuer geflohen war, wurde von den Vögeln im fremden Land aufgenommen. »Da wird die alte Eule viele traurige Geschichten zu hören bekommen«, sagte die Sperlingsmutter. Eines Tages wurde auch die Familie des kleinen Sperlings eingeladen, zur alten Eiche zu kommen und sich von der alten Eule befragen zu lassen. »Heute entscheiden wir, ob ihr aufgenommen werdet«, sagte die alte Eule mit ihrer tiefen Eulenstimme und lugte hinter ihren Brillengläser hervor. »Dann erzählt mal. Woher kommt ihr? Nun, wer möchte beginnen?« Die Sperlingseltern nickten sich zu und die Sperlingsmutter trat zwei Schritte vor und sagte: »Ich darf für meine Familie sprechen.« Der Sperlingsmutter schlug das Herz bis zum Hals, sie wusste ja, jetzt kam es auf sie an, sie räusperte sich und straffte die Schultern. Gerade wollte sie ansetzen, von dem lodernden Feuer zu berichten, von der Gluthitze, die alles versengte, von den fliehenden Tieren, den johlenden Brandstiftern. Da lugte die Eule ein zweites Mal hinter ihrer Brille hervor und fragte: »Bevor du beginnst: Wie heißt du?« Die Sperlingsmutter starrte die Eule an. »Hast du deinen Namen vergessen?«, fragte die Eule.

»Ja…« stammelte die Sperlingsmutter, »flüchtig, das heißt … nein.« Die Eule sah die Sperlingsmutter erstaunt an und die Sperlingsmutter hüpfte nervös auf der Stelle und schluckte. »Serafine-Sperling-der-die-Sonne-jeden-Morgen-über-dasblendend-schöne-Federkleid-strich-und-die-so-schön-erzählen-konnte«, sagte sie und kaum hatte sie ihren vollständigen Namen genannt, war ihr, als erzählte der Name ihr ganzes Leben und der Sperlingsmutter lief das Herz über. »Ich, wir, wir kommen aus einem wunderschönen reichen Land«, rief sie voller Inbrunst. »Das Land des Stillen Waldes. Dort blühen Kornblumen auf den Wiesen und wiegen sich hin und her wie ein wogendes, tanzendes Meer; am Himmel ziehen Wolken vorbei wie verträumte Inseln; freche Eichhörnchen turnen durch die Zweige der Weide und bringen die Äste zum Wackeln; ich habe ein Diplom als Fluglehrerin und mein Mann singt im Chor, meine Freundin, die Sonne,…« Mit einem Schlag hörte die Sperlingsmutter zu erzählen auf, sie dachte an die Sonne und strich sich nachdenklich und sachte über das versengte Federkleid und fing bitter zu weinen an. »Es gibt kein schöneres Land«, sagte sie still.

Alle schwiegen betreten. Die Sperlingsmutter biss sich auf den Schnabel, sie schaute sich verzweifelt nach ihrem Sperlingsgatten um. Ich habe es verpatzt, sagte ihr Blick. Nun werden wir nicht aufgenommen. Der Sperlingsvater senkte den Blick und strich dem Sperlingsspatz über den Kopf. Da donnerte die Eule mit der Faust auf den Tisch. Die Sperlingsfamilie zuckte zusammen und schaute ängstlich auf die Vorsitzende. Die alte Vogeldame ballte die Faust und donnerte noch einmal und noch einmal auf den Tisch. Dann erhob sie sich langsam, setzte sich einen Eierkarton auf den Kopf, und- nanu- tupfte sich mit einem Taschentuch eine kleine Träne aus dem linken Auge. Dann hob sie würdig zu sprechen an.

»Danke, Serafine, dass du das erzählt hast«, sagte die Eule heiser und blickte gütig auf die Sperlingsmutter. »Danke. Ich hoffe, ihr findet bei uns einen ebenso schönen weiten Himmel und so blühende Wiesen und so hohe Bäume wie in eurem Stillen Wald. Hier eure Papiere mit den drei offiziellen Stempeln. Nun fliegt und baut euer Nest.« Damit drückte sie den Sperlingen ihre Papiere in die Hand und schloss die alten Augen.

***

Unzählige Sterne blinkerten am Himmel. Der Mond war voll und rund und brannte hell wie ein Laterne. Die Sperlingsfamilie saß auf dem Dach der alten Kartoffelkiste und schaute in die Nacht. »Wisst ihr«, sagte die Sperlingsmutter, »es ist nicht so, dass wir mit nichts hierher gekommen sind. Wir kommen mit unserer Geschichte, mit unseren Erinnerungen, mit dem, was wir können. Das alles sind doch wir. Das musste ich doch erzählen!«

»Und wie schön du erzählt hast«, sagte der Sperlingsvater. »Und wie aufmerksam die Eule zugehört hat. Jetzt sind wir wirklich angenommen«, sagte die Sperlingsmutter und schaute sinnend in die Sterne.« »Guckt mal da, auf dem Papier, da steht mein Name!«, sagte der kleine Sperling. Zufrieden betrachtete er das Blatt mit dem dicken Stempel der Eule, auf dem gut lesbar sein Name stand: SpatzSperling-dein-Herz-ist-so-weit-ist-wie-der-Himmel-reicht. Dann schaute der kleine Sperling in den weiten Himmel, an dem die Sterne blinkerten. Und in seinem Herz ging die Sonne auf wie eine wilde, gelbe Himmelsblume.

Ute Elisabeth Mordhorst
Aus: Ute Elisabeth Mordhorst: »Geschichten, die glücklich machen,
Band8: Der kleine Fliehling.
Eine Geschichte über die Flucht und das Ankommen«,
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