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07.07.2017 - Leben aus dem Glauben

Kritische Nachdenklichkeit – Elemente für eine Wort-Gottes-Feier

Impuls

Einsteigen möchte ich mit einer kleinen Geschichte.

Jeder hat es verspürt: Genau in diesem Augenblick- denn das war so außergewöhnlich, dass der Atem für Sekunden stockte, auch wenn der Mann am Flügel weiterspielte wie es die Noten von Beethoven vorsehen … auch wenn der Kellner weiter notierte: einen Scotch für die Dame, einen Kaffee für den Herrn und für Sie bitte? … Schlimmes war jedoch nicht zu befürchten, dafür waren die technischen Daten einfach zu gut.

Selbst die Nachricht, dass ein Eisberg gerammt wurde, dass ein Leck geschlagen sei und Wasser irgendwo in den Rumpf eindringt, erzeugte kein Entsetzen, nur eine hochgezogene Augenbraue, schließlich galt dieser Luxusliner Titanic als unsinkbar. Und genau wegen dieser Fehleinschätzung hatte das Schiff von nun an gegen den Tod zu kämpfen. (Idee der Titanic der Ideenwerkstatt Gottesdienst entnommen.)

Vielleicht denken Sie ähnlich wie ich. Wie kann man so borniert sein, so selbstsicher, so unangemessen in der Lage reagieren? Wie kann man so sehr auf etwas vertrauen, was anscheinend doch nicht trägt?

Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Zweifel kamen mir, sowohl persönlich als auch eher global, politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich gesehen. Handeln wir nicht bisweilen ähnlich und ziehen nur eine Augenbraue hoch?

Z.B. im persönlichen Leben. Ich weiß, dass ich etwas ändern sollte? Mehr Zeit für private Dinge nehmen, an Eigenschaften arbeiten, die andere nerven, mir mal Zeit für mich selber nehmen, meine Zeit nutzen.

Stille oder meditative Musik

Impuls

Seit längerer Zeit beschäftigen mich einige Gedanken, die von Alex Lefrank, einem renommierten, mittlerweile über 80-jährigen Jesuiten, stammen. Er macht sich in seinem 2013 erschienenen Buch »In der Welt- nicht von der Welt« Gedanken, ob die biblischen Bücher, die mit dem Ende der Zeit oder dem Weltuntergang zu tun haben, noch zeitgemäß sind. In diesem Zusammenhang erstellt er eine- wie ich finde- sehr treffende Zeitanalyse, die ich gerne kurz skizzieren möchte.

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Zunächst beobachtet er, wie die beiden totalitären Systeme des Nationalsozialismus und des Kommunismus agierten. Die Menschen ließen sich bspw. durch das Nazi-System verführen, weil es einen wirtschaftlichen Aufschwung, Beseitigung der Arbeitslosigkeit und eine Wiedergewinnung nationaler Selbstachtung versprach. Das wurde als große Errungenschaft empfunden. So erlebten viele das System- zumindest eine Zeitlang- nicht als negativ. Sie begrüßten es und machten mit. Als die Verführung dann in Bedrohung überging, das System immer mehr Angst verbreitete, war es zu spät, die Entwicklung zu beeinflussen. Jetzt brauchte es heroischen Mut, sich dem System entgegenzustellen und die Mittäterschaft aufzugeben, da dieses System mit Gewalt alles beherrschte.- Lefrank beobachtet also einen Dreischritt: Verführung, Angst und Gewalt. Und ähnliche Tendenzen stellt er auch heute bei uns fest.

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Die Verführung sieht er in dem wachsenden Wohlstand, der über Jahrzehnte dauerte und vielen Teilen der Bevölkerung ein immer angenehmeres Leben ermöglichte. Durch diesen Erfolg konnte sich die Idee des Wirtschaftswachstums als herrschende Ideologie etablieren. Sie ist zum unhinterfragten Ziel politischen Handelns geworden. Um dieses Zieles willen muss man wettbewerbsfähig bleiben bzw. immer mehr werden. Denn der Wettbewerb wird härter, weil der Markt enger wird.

Immer mehr Lebensbereiche werden wirtschaftlicher Logik unterworfen: Nicht mehr nur das produzierende Gewerbe, auch Freizeit, Gesundheit und Sport, ja sogar Bildung und Erziehung, Wissenschaft und Forschung werden von ökonomischen Gesichtspunkten gesteuert.

Gebannt schauen alle auf die Konjunkturdaten. Anzeichen einer Rezession versetzen die Menschen in Angst, und das mit Grund: Denn Rezession bedeutet Arbeitsplatzverlust und damit Armut. Das Tempo steigert sich, weil die Gleichung gilt: Zeit ist Geld.

Immer mehr Menschen sind den Anforderungen des Systems nicht mehr gewachsen. Es definiert den Menschen als Leistungsträger und als Konsumenten. Wer zu beidem nicht taugt, wird einstweilen noch kärglich versorgt; seine Entsorgung am Lebensanfang und am Lebensende hat schon begonnen.

Der dritte Schritt, die Gewalt, ist für alle als wirtschaftliche Bedrohung spürbar: Arbeitsplatz- und Einkommensverlust.

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Noch bemüht sich die politische Autorität, die Entwicklung sozial-verträglich zu halten. Aber die Regierungen laufen der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher.

Das System ist zum Selbstläufer geworden. Und das Schwierige bzw. Fatale ist eigentlich- anders als beim Naziregime und seinem »Führer«- dass kein wirklich Verantwortlicher auszumachen ist, die eigentlichen Machtträger bleiben anonym. Zudem scheinen die Gesetzmäßigkeiten, nach denen es funktioniert, undurchschaubar. Aber die Wirkung für die Menschen ist ähnlich: Sie finden sich dem Zwang unterworfen, mitzumachen, wenn sie nicht verlieren wollen.

Ein wesentliches Charakteristikum unserer Zeit besteht darin, dass man die Gegenwart aus der Zukunft finanziert. In begrenztem Maß ist das sinnvoll. Es hat uns gute Versorgung und Wohlstand gebracht. Aber es wurde kein Maß gefunden.

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Inzwischen ist das System zu einem globalen System geworden, das weite Teile der Welt aufgesogen hat, ob diese wollen oder nicht. Weil der Gewinn durch Produktion und Verkauf nicht mehr groß genug ist, hat sich das Geschäft immer mehr in den Himmel der Finanzspekulationen auf zukünftige Entwicklungen verlagert und die Bodenhaftung an realen, berechenbaren Wirtschaftsdaten verloren.

Auch die Politik ist in diesen Sog geraten. Um die Bürger zufriedenzustellen, wurden in den öffentlichen Haushalten Schuldenberge aufgetürmt, die ins Unermessliche gewachsen sind. Man hatte sich ja daran gewöhnt, die katastrophalen Zukunftsfolgen dieser Art des Wirtschaftens (Umweltzerstörung, Ausbeutung der Ressourcen, Neokolonialismus wirtschaftlicher Art, weltweit wachsende Armut, zunehmendes soziales Ungleichgewicht) auszublenden nach dem Motto: Nach uns die Sintflut.

Solange dieses System funktioniert, verspricht es dem Einzelnen das Paradies auf Erden, und zwar sofort. Warum also nach einem tieferen Sinn suchen, wenn die Wünsche, die man hat, hier und jetzt befriedigt werden können? Wenn der Fortschritt der Wissenschaft, vor allem der Medizin, die Verheißung gibt, dass wir mit Krankheit und unerwünschten Begleiterscheinungen immer besser fertig werden?

Auftretende Krisen werden als vorübergehend bezeichnet. So werden grundsätzliche Fragen an den Sinn des Systems vermieden. Es vermittelt ja den Eindruck, dass es ewig weiterbesteht. Das Vertrauen in das System ist eine der Bedingungen, dass es funktioniert. Es darf nicht erschüttert werden. So lebt es vom Glauben an sich.

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Sicherlich ist dies eine vereinfachende Analyse, sie bringt aber einige dominierende Linien zum Vorschein. Das Unbehagen an der Entwicklung ist inzwischen auch gewachsen. Veränderungen erscheinen notwendig. Aber niemand scheint imstande zu sein, sie herbeizuführen. Zu komplex ist das System, zu vielfältig seine Probleme, zu divergierend die Meinungen und zu ohnmächtig die politisch Verantwortlichen. Also läuft alles weiter. Man ahnt immer mehr, dass der Karren auf einen Abgrund zurollt. Die Finanzkrise 2008/2009 hat uns in diesen Abgrund schauen lassen. Fachleute sagen, dass sie längst noch nicht bewältigt ist. So kippt der Optimismus, der das System lange Zeit getragen hat, allmählich in eine pessimistische Stimmung.

Alex Lefrank schreibt dazu wörtlich: »Ich kann mich erinnern: Auch gegen Ende des Nazisystems war das so. Obwohl offensichtlich war, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, machte man weiter. Die Maschinerie hatte keine Bremsvorrichtung. Nachdem der 20.Juli gescheitert war, blieb nur das bittere Ende.«

*

Sie fragen sich vermutlich, warum ich das erzähle.- Nicht weil ich sofort unser ganzes System infrage stellen möchte, nicht weil ich uns das Wohlergehen vermiesen möchte, nicht weil ich jetzt eine pauschale Kritik an den Verantwortungsträgern üben möchte, sondern weil mich diese Analyse sehr nachdenklich gemacht hat und sie einen Teil meiner Sorgen zum Ausdruck bringt.

Worauf beruht unser Zusammensein in Zukunft, wenn christliche Werte und christlicher Glaubensvollzug immer mehr ins Hintertreffen geraten und Christen deshalb als Gesprächspartner von anderen religiösen Gruppen kritisch beäugt werden.

Warum praktizieren sie nicht öffentlich?

Wäre eine sprechende Geste wie damals der gemeinsame Gottesdienstbesuch von de Gaulle und Adenauer noch möglich und würde er verstanden?

Ich bin kein Wirtschaftsexperte, aber die immer steigende Verschuldung macht mir schon Sorgen, auch bei uns in Deutschland? Kann es so weitergehen, Steuern bzw. kommunale Abgaben erhöhen, Schulden machen, aber nicht sparen. Würde ich persönlich so handeln, käme der Gerichtsvollzieher.

Ich bin auch kein Geologe und Experte für Natur-Ressourcen, aber können wir wirklich unseren Lebensstandard, unsere Mobilität, unsere Reisemöglichkeiten etc. erhalten? Und wenn nicht, was bedeutet das gesellschaftlich?

Ich sehe mich auch nicht als Politikexperten, auch wenn ich aufmerksam dem Zeitgeschehen folge. Aber es macht mir schon Sorgen, zu beobachten, wie Parteien am eher rechten Spektrum an Zustimmung gewinnen oder wie in den USA gewählt wurde. Es beunruhigt mich, wie bisweilen über die Menschen gesprochen wird, die als Flüchtlinge zu uns kommen.

Und ich frage mich, was ist in dieser Situation von mir gefordert? Sicherlich habe ich nur eher begrenzte Möglichkeiten, aber sollte ich diese nicht nutzen?

Stille oder meditative Musik

Geschichte

Eines Tages fragte ein Eichhörnchen eine Taube: »Weißt du eigentlich, was eine Schneeflocke wiegt?«- »Nicht mehr als nichts«, lautete die prompte Antwort der Taube.

»Dann muss ich dir eine bemerkenswerte Geschichte erzählen«, sagte das Eichhörnchen. »Ich saß auf einem Ast eines Nussbaumes, als es langsam aber beharrlich zu schneien begann. Da ich gerade nichts anderes zu tun hatte, fing ich an, die Schneeflocken zu zählen, welche vor mir auf den Zweig fielen und sich behutsam anhäuften. Ich war gerade bei der Nummer 2.561.236 angelangt, als sich die Schneeflocke mit der Nummer 2.561.237 sanft auf dem Ast niederließ. Plötzlich brach der Zweig ab und fiel in die Tiefe. Nur mit der Kraft einer einzigen Schneeflocke, welche eigentlich nicht mehr als nichts wiegt.«

Mit diesen Worten verschwand das Eichhörnchen wieder. Die Taube dachte lange über diese Geschichte nach und meinte schließlich: »Manchmal denke ich, dass meine Anstrengungen und die Kleinigkeiten, welche ich tun kann, keinen Unterschied ausmachen. Aber vielleicht brauchen einige Dinge im Leben wirklich nur mehr eine beherzte Stimme, um etwas Großes bewirken zu können.«

Zit. nach: https://motivationsgeschichten.com/2014/09/29/ wiegt-schneeflocke-19465451 (20.1.2017)

Stille

Impuls

Welche Möglichkeiten habe ich?

  • Ich kann mich in eine Stammtischdiskussion einmischen und versuchen, falsche Aussagen richtigzustellen.- Ob ich verstanden werde, ist zunächst zweitrangig, es geht darum mitzuhelfen, dass die Wahrheit nicht verdrängt wird. »Denn die Wahrheit wird euch befreien.« (Joh 8,32) So sagt es Jesus.
  • Ich kann mich für einen nicht zu aufwendigen, ressourcensparenden Lebensstil entscheiden und für diesen werben.- Ob ich Zustimmung ernte, ist zunächst zweitrangig, es geht darum mitzuhelfen, dass die Wahrheit nicht verdrängt wird. »Denn die Wahrheit wird euch befreien.« (Joh 8,32) So sagt es Jesus.
  • Ich kann bei Diskussionen, was der Staat doch noch alles tun muss, einbringen, dass auch die Möglichkeiten des Staates begrenzt sind und die Schuldenfalle droht.- Ob man meine Einwände ernst nimmt, ist zunächst zweitrangig, es geht darum mitzuhelfen, dass die Wahrheit nicht verdrängt wird. »Denn die Wahrheit wird euch befreien.« (Joh 8,32) So sagt es Jesus.

Ich kann doch schon einiges tun. Allerdings wird das heftige Diskussionen und beißende Polemik in den meisten Fällen nicht beruhigen. Trotzdem sollte ich es tun.

Allerdings- so scheint mir- darf ich nicht in die Falle geraten, selber sarkastisch oder gar verletzend zu werden, sondern muss friedlich bleiben. Das ist freilich nicht unbedingt immer einfach, aber Aggression mit Aggression zu begegnen scheint mir nicht zielführend zu sein. Insofern stellt sich die Frage, wie ich in solchen Diskussion und angesichts der Problematiken unserer Zeit friedlich bleiben kann. Dies scheint mir nur dann möglich zu sein, wenn ich zum inneren Frieden mit mir selber finde.

*

Innerer Friede ist eine geistige Aufgabe, die ziemlich herausfordernd ist. Zwei Verhaltensweisen erscheinen mir persönlich als hilfreich.

Innerer Frieden beginnt in dem Moment, in dem ich mich dafür entscheide, dass weder eine andere Person noch ein Ereignis meine Gefühle kontrollieren.

Jede und jeder kann lernen, mit den eigenen Gefühlen umzugehen, bei sich zu sein, sie nicht von anderen bestimmen zu lassen. Denn was verschenken wir dann an Freiheit, welche Macht geben wir den anderen? Wollen wir das?

»Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit« (SÄren Kierkegaard), und damit- so scheint mir- der Anfang allen inneren Unfriedens.

Wir können immer mal wieder überlegen, was uns so alles geschenkt wurde, das dankbar genießen. Und ist der andere/die andere wirklich besser dran, glücklicher?

Der Vergleich ist der Anfang allen Unglücklichseins, allen inneren Unfriedens.

Innerer Frieden beginnt in dem Moment, in dem ich mich dafür entscheide, dass weder eine andere Person noch ein Ereignis meine Gefühle kontrollieren.

Bitten wir Gott darum, dass er uns hilft und begleitet, wenn wir uns entschließen, den inneren Frieden anzustreben. Und bitten wir ihn, dass er uns antreibt, nach dem inneren Frieden zu streben. Denn- so sagt Jesus: Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Menschen Gottes genannt werden. (Mt 5,9)

Irischer Segenswunsch

Nicht, dass von jedem Leid verschont Du mögest bleiben,
noch, dass Dein künft'ger Weg stets Rosen für Dich trage
und keine bittere Träne über Deine Wangen komme
dies alles, nein, das wünsche ich Dir nicht!
Mein Wunsch für Dich ist vielmehr dieser:
Dass dankbar Du und allezeit bewahrst in Deinem Herzen
die kostbare Erinnerung der guten Ding' in Deinem Leben;
Dass mutig Du stehst in Deiner Prüfung,
wenn hart das Kreuz auf Deinen Schultern liegt
und wenn der Gipfel, den es zu ersteigen gilt,
ja selbst das Licht der Hoffnung zu entschwinden droht;
Dass jede Gottesgabe in Dir wachse
und mit den Jahren sie Dir helfe,
die Herzen froh zu machen, die Du liebst;
Dass immer einen wahren Freund Du hast,
der Freundschaft wert, der Dir Vertrauen gibt,
wenn Dir's an Licht gebricht und Kraft;
Dass Du dank ihm den Stürmen standhältst
und so die Höhen doch erreichst.

Urheber unbekannt, zit. nach: https://www.irische-segenswuensche.info/ Auf-dem-Weg/Nicht-dass-von-jedem-Leid-verschont-du-moegest-bleiben.html (20.1.2017)

Carsten Roeger