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15.10.2017 - 28. Sonntag im Jahreskreis

Absage an Gott? – Predigtimpuls – Für Erwachsene

Es ist keine schöne Erfahrung, wenn man ein Fest plant, sich auf viele Besucher freut und dann eine Absage nach der anderen kassiert oder viele auch ohne Absage nicht kommen. Das kann es im privaten Bereich geben oder auch in der Pfarrei.

Im privaten Bereich kann man sich damit trösten, dass der Termin ungünstig ist und manche schon andere Verpflichtungen haben. Oder aber man stellt sich die Frage, wie wichtig man den anderen ist. Auch in der Pfarrei kann man sich damit trösten, dass es gerade an dem betreffenden Termin so viele andere Angebote gibt und dass die eigenen Angebote im Vergleich zu vielen Events nicht mehr so attraktiv erscheinen. Oder aber man kann sich auch fragen, ob es daran liegt, dass die eigene Gemeinschaft der Pfarrei für viele nicht mehr wichtig ist.

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Auch das heutige Evangelium kennt die Erfahrung, dass eine Einladung abgelehnt wird. Und ich denke, die Gründe der Ablehnung sind ähnlich wie bei uns heute. Da sind Menschen, denen anderes wichtiger ist als die Einladung zum Fest. Sie haben so viel anderes zu tun, da ist der Acker, das Geschäft oder was auch immer. Es gibt natürlich auch Menschen, die sich einfach über eine Einladung freuen, weil sie sich wertgeschätzt fühlen, weil ihnen die Beziehung zum Einladenden wichtig ist. Das gibt es sowohl im privaten als auch im kirchlichen Bereich. Menschen freuen sich, dass sie persönlich eingeladen sind, und kommen. Sie fühlen sich wertgeschätzt.

Im Evangelium freuen sich die Menschen, die erst später eingeladen werden, die sonst eher am Rand stehen und die nie mit einer Einladung gerechnet hätten. Sie fühlen sich dadurch - so denke ich - aufgewertet und freuen sich auf das gute Essen. Das Evangelium berichtet auch von einem, der kein Hochzeitsgewand anhat. Für mich steht dieser Mann für all diejenigen, die aus Pflichtgefühl zu einer Feier kommen. Sie fühlen sich gedrängt zu kommen, weil es zu einer gesellschaftlichen Verpflichtung gehört oder weil sie die Person nicht enttäuschen wollen. Trotzdem kommen sie ungern. Das kann dazu führen, dass sie sich auf dem Fest nicht wohl fühlen, immer etwas zu meckern haben, das Haar in der Suppe suchen, spitze Bemerkungen über den Einladenden oder Mitfeiernde machen.

Vermutlich kennen die meisten von uns sowohl im privaten Bereich als auch im Bereich der Pfarrei Menschen, die zwar kommen, aber immer etwas zu meckern haben, denen das nicht gefällt oder dies nicht gut genug ist. Den einen ist bspw. der Gottesdienst zu lang, den anderen nicht feierlich genug. Wieder anderen sind die Messdiener zu unruhig. Oder die Predigt hat zu wenig Tiefgang für die einen, die anderen halten sie für zu anspruchsvoll. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

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Die entscheidende Frage scheint mir zu sein, wie ich mit solchen Kränkungen umgehe. Natürlich macht es Sinn, den Termin zu überdenken oder die Gestaltung eines Gottesdienstes. Das mag helfen, wird aber nicht verhindern, dass trotzdem viele der Einladung nicht folgen. Aus Pflichtgefühl geht wohl kaum einer zum Pfarrfest oder in den Sonntagsgottesdienst. Allerdings gibt es manchmal Situationen, in denen sich jemand gedrängt fühlt, in den Gottesdienst zu gehen, vielleicht weil ein Neffe zur Erstkommunion geht, weil im Bekanntenkreis ein Paar Hochzeit oder Silberhochzeit feiert oder weil ein lieber Mensch gestorben ist und es einen drängt, auch wenn man von Kirche nicht so viel hält, zur Beerdigung zu gehen.

Manchmal kann es dann passieren, dass jemand trotz aller Vorbehalte oder dem pflichtgemäßen Kommen ganz berührt von einem Gottesdienst ist, dass Menschen spüren, dass da doch etwas ist, was sie anspricht, was die Seele berührt. Insofern kann es auch sinnvoll sein, Erstkommunionkinder oder Firmanden zu verpflichten, mal einen Gottesdienst zu besuchen. Vielleicht bewegt der Gottesdienst dann den einen oder anderen. Wichtig scheint mir dann nur zu sein, dass irgendwo eine Beziehung zu Gott da ist oder jemand zumindest offen für diese Beziehung ist, auch wenn er sie bisher nicht so sehr gelebt hat.

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So erzählte mir ein Freund, für den zwar die Taufe und Kommunion seiner Kinder einfach dazugehören, der aber sonst eher sehr selten in den Gottesdienst geht, dass seine Tochter im Kinderchor singt. Dieser Kinderchor gestaltet alle Familiengottesdienste mit und seine Tochter möchte natürlich, dass Papa mitkommt, und er kann seiner charmanten Tochter natürlich diesen Wunsch nicht abschlagen. Er erzählte mir später, dass die Familiengottesdienste gar nicht so schlecht wären. Für einen Westfalen ist das schon ein ziemlich großes Lob.

Eine engagierte Firmkatechetin, deren Freund nicht viel von Kirche hält, berichtete mir, dass er sie an dem Wochenende besucht hat, an dem die Firmung stattfand. Sie hat ihm gesagt, dass sie da auf jeden Fall hinmüsse, er könne ja so lange fernsehen oder mit dem Hund gehen. Ihr Freund hätte entgegnet, dass er ruhig mal mitgehen könne. Und nach dem Gottesdienst war er bewegt von der Lebendigkeit des Gottesdienstes und der Ernsthaftigkeit mancher Firmanden.
Wer offen für neue Erfahrungen und eine Beziehung zu Gott ist, der kann auch Erfahrungen in einem Gottesdienst machen, die ihn bereichern, auch wenn er zunächst skeptisch ist. Natürlich sind solche Erfahrungen - so scheint mir - eher Ringeltauben. Immer weniger Menschen scheint die Feier des Gottesdienstes wichtig zu sein. Neben all den anderen Aktivitäten, die spannender zu sein scheinen, und einer vielleicht nicht so intensiven Beziehung zu Gott, die einen drängt, diese Beziehung auch zu feiern, kam mir der Gedanke, ob es neben dem Beziehungsproblem in der heutigen Zeit nicht auch noch ein ganz anderes Problem geben könnte. Der Philosoph Josef Pieper hat sich mit dem Phänomen des Feiern auseinandergesetzt und folgenden Satz geprägt: »Ein Fest feiern heißt: die immer schon und alle Tage vollzogene Gutheißung der Welt aus besonderem Anlass auf unalltägliche Weise begehen.« (Pieper, Josef, Zustimmung zur Welt. Eine Theorie des Festes, München 1963, 52)

Könnte also ein Grund dafür, dass Feiern im Allgemeinen und auch die gottesdienstlichen Feiern nicht mehr so besucht werden, daran liegen, dass die Welt nicht mehr als wirklich gut empfunden wird, dass es nicht wenigen Menschen schwerfällt zu sagen: Ich lebe gerne. Ich liebe das Leben. - Manche Menschen verspüren eine Sehnsucht nach Leben, sie versuchen sie dadurch zu stillen, dass sie möglichst viel unterwegs sind, möglichst viel erleben, aber sie spüren trotzdem eine Leere. Dann kann man vielleicht eine Fete machen, aber feiern?

Vielleicht liegt hier ein Ansatz für pastorale Chancen, nämlich Menschen zu helfen, das Leben wirklich zu bejahen, ihnen deutlich zu machen, dass sie vor aller Leistung geliebt sind, dass das Leben auch schön sein kann, wenn der Terminkalender Leerstellen hat bzw. dass es erst dann richtig schön ist. Zum Fest einladen, zum Gottesdienst einladen und dann zu erleben, dass nur wenige der Einladung folgen oder an der Feier viel herumzukritisieren haben, kann verschiedene Gründe haben. Die Beziehungsebene kann eine Rolle spielen oder auch die fehlende Erfahrung, dass das Leben wirklich schön ist, es sich zu feiern lohnt.

Dies kann einerseits entlasten, andererseits neue Kreativität hervorbringen. Diese Kreativität wünsche ich uns allen.

Carsten Roeger