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08.10.2017 - 27. Sonntag im Jahreskreis

Predigt aus der Wort-Gottes-Feier

Evangelium: Mt 21,33-44

Auslegung

Haben Sie die Suchmeldung im heutigen Sonntagmorgen-Blatt schon gelesen? Oben auf der Anzeige steht in dicken Buchstaben: Vermisst!

Der Text lautet:

»Das Reich Gottes ist weggekommen!
Jemand muss es weggenommen haben!
Es ist nicht mehr da, wo es immer war,
im Goldrahmen über dem Sofa in der guten Stube!
Da zeigt sich jetzt ein hässlicher verfärbter Rand,
und es hat geschimmelt dahinter,
das haben wir all die Jahre gar nicht bemerkt.

Wenn wir es wiederfinden, zurückbekommen,
stauben wir einfach den Rahmen ab,
überpinseln die gammelige Stelle an der Wand,
dann sieht es aus wie neu,
dann können wir es wieder an den Nagel hängen…
Was machen wir bis dahin mit dem leeren Platz -
Hat jemand einen Spiegel, der da hinpasst?

*

So kann's gehen, wenn wir das Reich Gottes nur als Deko in Ehren halten und uns daran ergötzen, bevor wir uns behaglich auf dem Sofa, über dem es hängt, ausstrecken und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.

Stellen Sie sich vor - jetzt kommt Jesus. Er schlägt das Sonntagmorgen-Blatt auf und zückt einen Stift.

»Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt! So war es angekündigt!«, schreibt Jesus mit Rotstift unter die Suchmeldung.

»Aber« - könnten die Leute jetzt einwenden, die diese Annonce aufgegeben haben - »wir haben uns doch nicht benommen wie Vandalen! Diese verbrecherischen Winzer im Evangelium waren gemeine und hinterlistige Diebe, die nicht vor einem Mord zurückgeschreckt sind. Mag sein, dass wir uns manchmal etwas zu wenig bemüht haben, aber mit denen kannst du uns doch nicht in einen Topf werfen, Jesus!«

Jesus gewährt den Menschen, die da mit ihm zu diskutieren versuchen, Menschen wie Sie und ich, wortlos einen Blick in ihre Vergangenheit. Sie sehen einen LiveMitschnitt ihres Lebens.

Sie sehen sich selbst. Sie erkennen, dass sie die Stecklinge der Reben, an denen die Frohe Botschaft wachsen sollte, zertrampelt haben. Es passiert so schnell in der Hektik des Alltags, dass etwas Zartes, ein Wort-Samenkorn, eine kleine Gute Nachricht, die erst noch wachsen muss, zertreten, zerredet, zerrissen, weggeschmissen wird.

Sie sehen, dass es Mord und Totschlag auch in ihren Reihen gab: Da wurde einer totgeredet oder totgeschwiegen, der sie ermahnte; da flogen die Fetzen, als eine Tochter des Hauses ihnen Widerstand bot und das Bild vom Himmelreich überm Sofa abhängen wollte, weil dieser Platz ihr nicht angemessen erschien; da hagelte es Vorwürfe wie Steine, als einer der Söhne vorschlug, die Garage auszubauen und Flüchtlinge aufzunehmen. Die Zeit, in der die Früchte des Weinbergs hätten wachsen und reifen können, sie wurde vertan, verplempert, totgeschlagen, wie man so treffend sagt.

*

Die Leute sind betroffen. So haben sie das Ganze, so haben sie sich selbst noch nie betrachtet. Von dieser Seite, sozusagen im Rückspiegel, mit den Augen Jesu. Der sieht sie der Reihe nach an und sagt: »Ihr könnt euer Bild vom Reich Gottes an den Nagel hängen, wenn sich nichts ändert. Solange ihr es in einen Rahmen klebt und ab und zu einen Blick darauf werft, wird nichts daraus. Damit es wächst wie die Reben auf dem Weinberg, muss es diesen Rahmen sprengen, herausgeholt und eingepflanzt werden. Es kann nur gedeihen, wenn ihr es gießt und düngt, hegt und pflegt. Das ist Arbeit und hat nichts mit Schöner-Wohnen zu tun.

Kratzt den Schimmel von der Wand, der sich da gebildet hat, weil ihr mit dem einmal erworbenen Bild vom Reich Gottes so zufrieden wart, dass ihr es nie wieder verändert habt. Oder habt ihr es in den vergangenen Jahren gar keines Blickes mehr gewürdigt?

Das Reich Gottes ist lebendig, oder es ist gar nicht da. Man kann es nicht konservieren, ablichten, filmen und so tun, als spielte man mit.

Es ist echt. Es braucht Temperaturwechsel, Sonne und Regen, Licht und Luft um zu wachsen. Dann wird es sich entwickeln und Frucht bringen!

*

Ihr braucht jetzt nicht so kleinlaut davonzuschleichen! Es gibt Hoffnung, es kann sich etwas zum Guten ändern! Immerhin habt ihr bemerkt, dass etwas fehlt, dass einer das Bild abgehängt hat. Das war ich. Dieses Bild hat mich geärgert, aber euch will ich nicht abhängen! Ich will euch mitnehmen in eine Zukunft, in der Wein gedeiht, ihr die Früchte herbeibringt und wir im Herbst ein Winzerfest feiern können! Ein guter Wein braucht sonnengereifte Früchte und macht ziemlich viel Arbeit. Man muss die reifen Trauben ernten, keltern, gären und ruhen lassen. Dann wird ein guter Tropfen daraus - Deidesheimer Herrgottsacker Riesling, Wonnegott Rotwein, Alde Gott, Zeller Schwarzer Herrgott, um nur einige Lagen aus der heutigen Zeit und der nächsten Umgebung zu nennen.

So, jetzt habe ich euch reinen Wein eingeschenkt. Er war sicherlich sauer, ist nicht wie Öl durch die Kehle geflossen. Der Wein der Wahrheit ist meistens herb. Aber nur so kann sich etwas ändern.

*

Das Reich Gottes wird einem Volk gegeben, das die erwarteten Früchte bringt. Ich hoffe, dass wir zu diesem Volk gehören. Amen.

Regina Groot Bramel (Auslegung)